Wie der Transistor nach Deutschland kam

Transistor
Foto: Hans Schultheiß

Das Deutsche Museum bekommt von Infineon ein kleines, aber bedeutendes Stück Technologiegeschichte

Einer der ersten funktionsfähigen Transistoren ist seit heute im Deutschen Museum ausgestellt. Die Leihgabe von Infineon ist Teil eines kleinen Bereichs mit Schätzen des Museums, der einen ersten Ausblick auf die künftige Dauerausstellung Elektronik gibt.

Ohne ihn würde keiner unserer Computer funktionieren, kein elektronisches Gerät. In jedem heutigen Haushalt in Deutschland gibt es Millionen davon. Er gilt Vielen als die genialste Erfindung des 20. Jahrhunderts: der Transistor. 1947 gelang es Wissenschaftlern in den „Bell Laboratories“ in den USA, die ersten funktionierenden Transistoren zu bauen. Von diesen ersten Transistoren gelangte einer nach Deutschland – ab heute ist er im Deutschen Museum zu sehen. Generaldirektor Wolfgang M. Heckl freut sich: „Ohne Transistor gäbe es die Elektronik, wie wir sie heute kennen, nicht. Ohne diesen Transistor No. 9 hätte es zu diesem Zeitpunkt auch keinen Aufbau der deutschen Halbleiterindustrie gegeben.

Das neue Exponat hat eine spannende Geschichte. Wie es nach Deutschland gelangte, ist ein wahrer Technologiekrimi. Das unscheinbare Ding mit der handgeschriebenen Nummer 9 war 1952 in die Bundesrepublik gekommen und schlummerte bis 2006 in einer roten Streichholzschachtel. Es war der erste Transistor dieser Art, der seinen Weg nach Deutschland fand. Zu einem Zeitpunkt, als die neue Technologie kaum bekannt war – und schon gar nicht gekauft werden konnte. Mit in der Schachtel: ein handschriftlicher Zettel des Münchner Siemens-Mitarbeiters H. W. Fock vom 5. November 1952. „Einliegend senden wir Ihnen, wie verabredet, den Bell-Transistor 1768, Nr. 9.“ Erst 2006 tauchte das unscheinbare Ding wieder auf: Ein langjähriger Siemens-Mitarbeiter im Ruhestand hatte es bei sich zu Hause aufgehoben. Er präsentierte den Transistor seinen staunenden ehemaligen Kollegen und übergab ihn dem Historischen Archiv von Infineon.

Video: Hans Schultheiß und Michael Lucan

Wie aber waren Siemens-Ingenieure schon im Mai 1952, gut vier Jahre nach der Erfindung, an den Transistor aus USA gekommen, obwohl das Produkt auf dem Markt noch gar nicht zu haben war? Das hat mit dem Kalten Krieg und der Anti-Trust-Politik der USA zu tun. Die Bell-Laboratorien hatten für den Mai 1952 160 Wissenschaftler zu einem internationalen Transistoren-Symposium eingeladen. Dort stellten sie ihre Erfindung vor. Vier Teilnehmer der Siemens & Halske AG waren Teil des auserwählten Kreises – gegen eine stolze Gebühr von 25 000 Dollar. Die Teilnehmer – ausschließlich aus westlichen Ländern und Japan – hatten sich zu strikter Geheimhaltung verpflichtet, denn die USA wollten um jeden Preis verhindern, dass Informationen über die Zukunftstechnologie in die Hände des Ostblocks gelangten. Interessierte Firmen aus dem Westen wollte man dagegen als Lizenznehmer an dem Wissen teilhaben lassen. Karl Siebertz von Siemens & Halske erinnerte sich später an die Einladung: „Das Ganze kam ziemlich überraschend – Anfang Mai hatten wir davon erfahren, am 22. Mai sollte das Symposium beginnen. Da war schon die Beschaffung der nötigen Papiere einigermaßen aufregend. Noch am Tage vor dem Abflug fuhren wir um 2 Uhr morgens von Karlsruhe nach Bonn ab, um dort um 9 Uhr im Auswärtigen Amt auf Geheimhaltung vereidigt zu werden.“

Nur: Warum gaben die Bell-Laboratorien ihren technologischen Vorsprung freiwillig auf und gaben den Siemens-Mitarbeitern sogar einen Transistor mit nach Deutschland? Ausschlaggebend war wohl die Anti-Trust-Politik der US-Regierung. Die Bell-Laboratorien bekamen ab 1949 staatliche Aufträge zur Erforschung der Transistortechnologie. In diesen Verträgen wurde die Verpflichtung verankert, die erzielten Forschungsergebnisse kostengünstig an Lizenznehmer weiterzugeben. Die USA wollten mit Staatsgeldern entwickelte Technologien auch anderen Firmen zugänglich machen.

Auf diese Weise gelangte auch Siemens 1952 in den Besitz der neuesten Forschungsergebnisse aus den Bell-Laboratorien und einiger Muster von Bell-Transistoren. Schon Ende 1952 wurde entschieden, in München eine Halbleiterfabrik zu bauen – am späteren Standort Balanstraße. Die ersten bei Siemens ab 1953 hergestellten Spitzen-Transistoren der Typen TS13 und TS33 sahen den Bell-Transistoren zum Verwechseln ähnlich. Siemens ist dann zu einem führenden Halbleiterunternehmen geworden, insofern haben sich die 25 000 Dollar durchaus gelohnt.

„Mir war es wichtig, diesen Schatz zusammen mit anderen wichtigen Elektronik-Exponaten möglichst schnell auszustellen“, sagt Elektronik-Kurator Max Rößner. Deshalb hat er einen kleinen Bereich in der jetzigen Ausstellung Mikroelektronik, auf der Empore gleich über der Informatik, eingerichtet. Hier gibt es einen Ausblick auf die künftige Dauerausstellung Elektronik, die 2020 eröffnen soll.

In dieser kleinen Vorschau wird auch das europäische Gegenstück der US-Erfindung ausgestellt: das Transistron. Der deutsche Physiker Herbert Franz Mataré hatte den ersten europäischen Transistor zusammen mit Heinrich Welker in einem Labor in Paris entwickelt – unabhängig von und fast zeitgleich mit den Amerikanern. Und in dem Ausstellungsbereich gibt es weitere Schätze des Museums zu bestaunen: den Apple 1, der 2017 ins Deutsche Museum kam. Oder ein Arduino-Board der ersten Baureihe. Und ein kleines Diorama, das die HP-Garage – sozusagen den Geburtsort des Silicon Valley – zeigt. Wobei es ohne Transistor auch das Silicon Valley nie gegeben hätte.

Quelle: Deutsches Museum